14. September 2026

Zwischen Wohlstand und Überlastung: Wie viel Touri

Die internationale Tagung
Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen eines dreitägigen internationalen Seminars der Europäischen Bewegung Christlicher Arbeitnehmer:innen (EBCA) statt. Die Tagung vom 10. bis zum morgigen Samstag, 12. September befasst sich mit dem Wirtschaftsfaktor Tourismus aus der Perspektive der Rechte und Herausforderungen der Arbeitnehmer:innen sowie mit Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeit und Wirkung. Die EBCA vernetzt zwölf christliche Arbeitnehmer:innenbewegungen aus zehn Ländern und vertritt ihre Anliegen auf europäischer Ebene. Zu ihren Mitgliedern gehört der KVW. Charly Brunner ist seit 2022 Co-Vorsitzender der EBCA, derzeit gemeinsam mit Ana Luque aus Spanien. Nach Lissabon, Barcelona, München und Limonest bei Lyon findet das jährliche Seminar heuer in Südtirol statt.
 
Karl Brunner
„Vom Boom zur Balance“: Mehr als 150 Menschen suchten am gestrigen Donnerstagabend in der Cusanus-Akademie in Brixen nach neuen Wegen für den Tourismus. Gerechnet hatten die Veranstalter mit 80 bis 100 Interessierten. Die hohe Beteiligung zeigte, wie sehr die Entwicklung des Tourismus die Bevölkerung beschäftigt. Einigkeit bestand über seinen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand Südtirols. Zugleich wurden klare Grenzen, bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung gefordert.
 
Moderatorin Angelika König führte durch zwei Gesprächsrunden. Auf dem Podium diskutierten Charly Brunner, HGV-Präsident Klaus Berger, Hotelier Michil Costa, Brixens Stadträtin Sara Dejakum, KVW-Landesvorsitzender Werner Steiner, Claudia Plaikner vom Heimatpflegeverband Südtirol und Georg Plaickner von der Gewerkschaft SGB/CISL. Landeshauptmann Arno Kompatscher musste kurzfristig absagen. „Wir wollen den Tourismus nicht an den Pranger stellen. Wir wollen ein gutes Miteinander und die Quadratur des Kreises einer guten Entwicklung für alle wagen“, sagte Charly Brunner, geistlicher Assistent des KVW und Co-Präsident der Europäischen Bewegung Christlicher Arbeitnehmer EBCA. Südtirol lebt in hohem Maß vom Tourismus. Steigende Nächtigungszahlen, Verkehr, hohe Wohnkosten, knappe Ressourcen und der Druck auf die Beschäftigten belasten jedoch zunehmend das Zusammenleben. 2025 verzeichnete Südtirol rund 38 Millionen Nächtigungen. 80 bis 85 Prozent der Gäste reisen mit dem eigenen Auto an. 14 Prozent der Bevölkerung arbeiten im Tourismus, der elf Prozent der Wertschöpfung erwirtschaftet. Michil Costa erinnerte daran, dass der Tourismus wesentlich zum wirtschaftlichen Aufbau Südtirols beigetragen habe. Seit den 1990er-Jahren allerdings hätten Massentourismus und zunehmender Konsum das Verhältnis zum Land und seiner Bevölkerung verändert. „Südtirol ist von einem Gebrauchsgut zu einem Verbrauchsgut geworden.“ Costa nahm die eigene Branche in die Verantwortung. Sein Unternehmen kaufte in La Villa beispielsweise ein Haus für Beschäftigte, anstatt in ein weiteres Schwimmbad für Gäste zu investieren. „Ein Tal ist nicht lebendig, weil seine Hotels voll sind.“ Es bleibe lebendig, wenn die Menschen, die dort arbeiteten, es ihr Zuhause nennen können.
 
Faire Arbeit entscheidet über die Zukunft
Georg Plaickner erinnerte an Schwarzarbeit, fehlende Versicherungszeiten und Zwölfstundentage vor 40 Jahren. Seither habe sich vieles verbessert. Der Tourismus sei dennoch „Segen und Fluch zugleich“. Er habe Wohlstand und Arbeitsplätze geschaffen, inzwischen zahle die Bevölkerung jedoch einen hohen Preis: „Der Preis fürs Wohnen hat nicht mehr tragbare Dimensionen erreicht. Bestimmte Teile des Landes ersticken im Verkehr.“ Werner Steiner betonte, dass lange Arbeitszeiten, Schichtdienste und saisonale Beschäftigung viele Arbeitnehmer:innen weiterhin belasteten. Wirtschaftlicher Erfolg dürfe nicht auf Kosten anderer gehen. Sara Dejakum nannte planbare Dienstpläne, angemessene Bezahlung, Weiterbildung und Kommunikation auf Augenhöhe als entscheidend. „Der wirtschaftliche Erfolg eines Tourismusbetriebes steht und fällt mit den Menschen, die ihn tragen.“ Soziale Rechte und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssten auch in der Hochsaison gesichert sein.
 
Was Betriebe leisten
HGV-Präsident Klaus Berger hob hervor, dass die Tourismuswirtschaft weitgehend aus familiengeführten Betrieben bestehe. Am 20. August seien rund 47.000 Menschen in Hotellerie und Gastronomie beschäftigt gewesen. Viele Betriebe böten Unterkünfte, faire Löhne und zusätzliche Leistungen. Der HGV trage die Bettenobergrenze mit und setze sich für den Erhalt der Dorfgasthäuser als Treffpunkte der Bevölkerung ein.
 
Wenn der Tourismus seine Grundlagen verbraucht
Claudia Plaikner stellte die ökologischen und räumlichen Grenzen in den Mittelpunkt. Der Tourismus drohe Natur, Landschaft und Kultur zu zerstören. Eine Verteilung der Gäste über das ganze Jahr und alle Landesteile reiche nicht aus. Südtirol müsse über Reduktion, Rückbau und eine Abkühlung der touristischen Überhitzung sprechen. Plaikner griff den Vorschlag von Hans Heiss für einen Tourismuskonvent unter Beteiligung der Bevölkerung auf. Michil Costa forderte verbindliche ökologische Grenzen und ein durchdachtes Raumordnungskonzept. Er sprach sich für höhere Tourismusabgaben in Luxusdestinationen und eine stärkere Ausrichtung auf Gäste aus einem Umkreis von rund 500 Kilometern aus. „Südtirol muss der schönste Arbeitsplatz der Alpen werden.“
 
Wohnen wird zur Schlüsselfrage
Mehrere Beiträge rückten den Wohnraum in den Mittelpunkt. Eine Stimme aus dem Publikum bezeichnete Südtirol als finanzkräftigen Investitionsmarkt. Viele Einheimische und Beschäftigte könnten sich das Wohnen kaum noch leisten. Sara Dejakum berichtete, dass die Zahl der Privatzimmerlizenzen in Brixen von 172 auf 66 zurückgegangen sei. Die Gemeinde versuche, reguläre Vermietung attraktiver zu machen. Ulrike Hofer vom Grundschulsprengel Brixen saß im Publikum und erinnerte daran, dass viele Hotelmitarbeiter:innen Eltern mit Migrationsgeschichte seien. Schulen übernähmen Sprachförderung, Integration und Nachmittagsbetreuung. Dabei wünschten sie sich mehr Unterstützung durch die Wirtschaft.
 
Mobilität für Bevölkerung und Gäste
Claudia Plaikner verwies auf die sinkende Aufenthaltsdauer. Gäste kämen von weiter her und blieben durchschnittlich nur noch 4,3 Tage. Dadurch nähmen die An- und Abreisen zu. Sie forderte bessere Bahnverbindungen und einen leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr. Einheimische müssten teilweise an Haltestellen zurückbleiben, weil Busse bereits mit Tourist:innen überfüllt seien. Klaus Berger verwies auf Projekte für die letzte Meile vom Bahnhof bis zum Hotel.
 
Gastfreundschaft neu denken
Claudia Plaikner kritisierte den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen, etwa durch ein Überangebot an Frühstücksbuffets. Gastgeber:innen müssten ihren Gästen wieder stärker vermitteln, welcher Umgang mit Lebensmitteln, Wasser und Landschaft angemessen sei. „Wir alle sind Tourist:innen“, sagte Charly Brunner. Wer reise, müsse sich fragen, welche Form des Tourismus er oder sie selbst leben wolle. Problematisch werde Tourismus, wenn Orte, Landschaften und Leistungen nur noch als käufliche Objekte betrachtet würden.
 
Wie soll Südtirol in zehn Jahren aussehen?
Auch das Publikum fragte, wer gehört werde, wenn Menschen an stark besuchten Orten einen Verlust an Lebensqualität beklagten. Eine Architektin forderte, stärker in Menschen und weniger in Betonbauten und Bodenversiegelung zu investieren. In der Schlussrunde forderte Werner Steiner wirtschaftlichen Erfolg verbunden mit sozialer Gerechtigkeit für die Mitarbeitenden. Michil Costa sprach sich für Gemeinwohlökonomie aus. Claudia Plaikner verlangte einen intensiveren Dialog zwischen den Verbänden: „Wir müssen endlich Nägel mit Köpfen machen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Charly Brunner schloss: „Tourismus entsteht im Zusammenspiel von Unternehmer:innen, Arbeitnehmer:innen, Gästen und dem Lebensraum. Ein einfaches Weiter-so reicht nicht mehr aus.“