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Arbeit. Macht. Sinn – Macht euch solidarisch

Wenn wir uns die Definition von Solidarität im Duden anschauen, stellen wir fest, dass damit ein „unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauung und Ziele“ gemeint sein kann oder auch „das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander“. Dann gibt es noch eine Reihe von Synonymen: Bindung, Geistesverwandtschaft, Gemeinschaft, Wirgefühl, Zusammenhalt, Kollegialität usw. Alle diese Begriffe werden sehr locker verwendet und Vieles in unserer Gesellschaft wird mit dem Begriff „Solidarität“ abgedeckt. Außerdem gibt es wohl keinen Menschen, der sich nicht grundsätzlich für Solidarität aussprechen wird. Wir sind soziale Wesen: zur Solidarität fähig aber auch verpflichtet. Als KVW sehen wir aber immer deutlichere Strömungen zu Individualismus und Egoismus. Nur in gegenseitiger Verantwortung aber kann eine Gesellschaft gerecht sein. In Solidarität leben bedeutet, dass ich meinen Mitmenschen akzeptiere und mich aktiv auch für sein Wohlergehen einsetze. Es geht ebenso um eine gerechte Verteilung der Güter der Erde, die allen gehören und nicht zum Nachteil der Schwachen ausgenutzt werden dürfen. Konkret heißt das, dass wir vermehrt Produkte aus dem fairen Handel kaufen sollen. Dadurch zeigen wir unsere Solidarität mit den Produzenten und ermöglichen ihnen und ihren ein gerechtes Einkommen in ihrer Heimat.
Als KVW sehe ich es als unsere Aufgabe, den christlichen Gedanken zur Solidarität zu unterstreichen. Unsere Gesellschaft soll so strukturiert sein, dass Solidarität nicht nur zugelassen wird, sondern ein Grundprinzip unseres zwischenmenschlichen Umganges ist. Ich beobachte eine zunehmende Verrohung in unserer Gesellschaft: Arme gegen Reiche, Schwache gegen Starke, Einheimische gegen Ausländer, Männer gegen Frauen werden immer mehr gegeneinander ausgespielt. Solidarität ist die Grundlage eines guten Lebens. Als KVW treten wir für Solidarität als grundlegenden Bestandteil unseres christlichen Glaubens ein. Wir messen alle politischen Maßnahmen daran, ob sie das solidarische Prinzip fördern und den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft stärken. Wir sind der Überzeugung, dass sozial Schwache unterstützt werden müssen.
Es ist leichter Solidarität unter Gleichen zu leben. Man schließt sich unter Gleichgesinnten zusammen und unterstützt sich gegenseitig. Echte Solidarität aber fordert uns auf, alle Menschen miteinzubeziehen, die in Not sind und unsere Hilfe brauchen. Solidarität ist dann verwirklicht, wenn diejenigen, die über die Güter der Welt verfügen, sich für die Schwachen einsetzen und mitverantwortlich fühlen. Die Schwachen sollen dabei aber keines falls passiv zusehen, sondern auch selbst aktiv werden und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten einsetzen.
In diesem Zusammenhang entstehen Machtstrukturen. Gerade im letztgenannten Beispiel kommt es vor, dass diejenigen, die über die Güter und Dienstleistungen verfügen, ihren Einfluss als Macht ausnutzen. Es kommt immer häufiger vor, dass große Konzerne sich auf Kosten der Schwachen weiter bereichern. Ich denke an die Privatisierung des Wassers. In Afrika werden ganze Länder mitsamt den guten Wasserquellen aufgekauft. Für die Einwohner steht dann kein frei verfügbares Trinkwasser mehr zur Verfügung. Sie verlieren ihre Existenzgrundlage und müssen abwandern. Das Wasser wird in Plastikflaschen abgefüllt und bei uns in den Geschäften verkauft. Hier müssen wir uns mit den Menschen in Afrika solidarisieren und solche Machenschaften deutlich machen.
Solidarität unter Gleichgesinnten darf nicht in Machtstrukturen ausarten. Ich bin der Meinung, dass es in jedem Fall um die gerechte Sache gehen muss. In der Landespolitik, in der Gemeindepolitik wie auch in unseren eigenen Reihen müssen die Themen stets vordergründig bleiben.
Text: KVW Landesvorsitzender Werner Steiner

Solidarität ist politisch zu organisieren

KVW Jahresthema für Arbeitsjahr 2018 - 2019

Josef Stricker
Schlagzeilen dieses Jahres – Flüchtlingskrise, Klimaerwärmung, Terror, drohender Handelskrieg, unsichere Zukunft - diese und ähnliche Meldungen sind allesamt dazu angetan, den Einzelnen zu überfordern und im schlimmsten Fall die ganze Gesellschaft zu lähmen. Das Jahresthema des KVW  möchte – jedenfalls so wie ich es verstehe – das Gegenteil davon, nämlich das Bewusstsein stärken, dass wir etwas ändern können, dass wir Phantasie und Kraft aufbringen, Gegenwart und Zukunft gut zu gestalten.
Das Thema soll helfen, Mut zu machen, Ängste zu nehmen. Ich glaube, dass sehr viele Menschen nicht immer nur hören wollen, wie schrecklich unsere Welt doch ist, sondern auch wissen möchten, was sie selbst zum Gelingen einer besseren Gesellschaft beitragen können. Anders ausgedrückt es geht um Fragen wie: Worauf kommt es an? Was ist tatsächlich wichtig in Südtirol, in Italien, in einer zusammenwachsenden  Welt? 
 
Das europäische Projekt durchlebt eine tiefe Vertrauenskrise. Den Apparaten in Brüssel und Straßburg wird nicht mehr viel zugetraut. Die Finanzkrise von 2008 und ihre Folgen, die Not der Flüchtlinge machen deutlich: Es sind Zeiten des Umbruchs. Wie wir diesen Umbruch gestalten, liegt an uns. Es geht auch um die Einsicht, dass die Welt außerhalb der Grenzen Europas etwas mit uns zu tun hat. Wenn 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen und für 70 Prozent der Treibhausgase verantwortlich sind, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Da nützt es wenig, nach nationalen „Antworten“ zu rufen. Historische Vorurteile und nationalistisches Geschrei erweisen sich als Sackgassen. Es genügt auch nicht, „mehr Europa“ oder „mehr Solidarität“ zu fordern.  Wir brauchen eine Antwort darauf, wie wir mit mehr Europa und mehr Solidarität konkrete Probleme lösen können.
 
Belastbare Solidarität
 
Aus der Sozialgeschichte wissen wir, Solidarität ist die Bereitschaft eines Bürgers sich mit gewissen persönlichen Opfern für das Wohlergehen entweder eines einzelnen Schwächeren oder einer benachteiligten Gruppe einzusetzen. Belastbare Solidarität nennt man das. Es geht um die Bereitschaft zusammen zu stehen und die Schwachen nicht zu vergessen. Neben dem Engagement des Einzelnen, braucht es auch politisches Handeln – individuelle und strukturelle Solidarität. In den Menschen gibt es Gott sei Dank mehr Bereitschaft, Gutes zu tun, als wir ihnen oft zutrauen. In meinen Augen hat das Jahresthema des KVW „Macht euch solidarisch“ eine dreifache Aufgabe: Es soll anstiften zur Menschlichkeit, anstiften zur Hoffnung, anstiften zum politischen Handeln.

Anstiftung zur Menschlichkeit
 
Wie müssen wieder auf die Ränder der Gesellschaft schauen, sagt Papst Franziskus. Die Ränder der Gesellschaft sind Orte, an denen das Leben und die Gesellschaft insgesamt Brüche aufweisen. Orte, an denen man sehen kann, wie ein Leben im Abseits aussieht. Orte, an denen auch die nicht materiellen Formen von Armut greifbar werden: Einsamkeit, sozialer Ausschluss, die Sehnsucht nach Sinn. Orte, an denen deutlich wird, dass unser soziales Netz grobmaschiger geworden ist. Diese Orte finden wir nicht nur an Bahnhöfen, in Parkanlagen, auf entlegenen Bergweilern, sie können überall sein, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Sie zeigen eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Zunehmend mehr Menschen haben das Gefühl, vom Wohlstand und Reichtum nicht mehr profitieren zu können. Menschen, die gereizt und verständnislos reagieren, wenn in der öffentlichen Debatte so getan wird, Südtirol gehöre zu den wohlhabendsten Landstrichen Europas. Ihre Wahrnehmung von der Lebenswirklichkeit ist eine andere. Benachteiligte Menschen haben das Gefühl, dass ein soziales Erdbeben im Gang ist, wo der Boden auf dem sich die Menschen seit Jahrzehnten bewegen, unter den Füßen zu entgleiten droht. Wie kein anderer seiner Vorgänger lenkt Papst Franziskus den Fokus auf die Schwächen und Defizite unserer Zeit. Gleichzeitig bietet er dem Beispiel Jesu folgend die  Marschrichtung an: weniger Lehre, weniger Moral, mehr Menschlichkeit.

Anstiftung zur Hoffnung
 
Zukunftshoffnung ist etwas anderes als Fortschrittsoptimismus. Eine Hoffnung jenseits von Fortschrittsgläubigkeit findet sich im christlichen Glauben. Sie basiert nicht auf der Vorstellung, dass alles immer besser wird und dass der Mensch aus eigener Kraft eine bessere oder gar vollkommene Gesellschaft schaffen könne. Ganz im Gegenteil. Die Grenzenlosigkeit menschlichen Begehrens stößt überall an die Grenzen der Natur. Wir brauchen eine Ethik der Vorsicht, der Akzeptanz von Grenzen. Ohne diese Fähigkeit werden wir zu Sklaven der Technik und der Wirtschaft. Das Modell des grenzenlosen Fortschritts, des permanenten Wachstums steht in diametralem Gegensatz zur christlichen Hoffnung. Christliche Hoffnung ist keine Fortschrittsutopie, sondern baut auf dem Glaubenszeugnis der Gerechtigkeit und des Respekts vor Grenzen.

Anstiftung zum politischen Handeln
 
Macht euch solidarisch heißt: Solidarität ist politisch zu organisieren. Wie meine ich das? Ich möchte es mit den Worten des Jesuitenpaters Oswald von Nell Breuning (1890 – 1991) sagen. Der Altmeister der katholischen Soziallehre hat das Anliegen mit bemerkenswerten Sätzen auf den Punkt gebracht: „Wir haben über die Welt nicht geistreich zu philosophieren, sondern – insofern stimmt die Lehre Jesu Christi mit der von Karl Marx vollkommen überein – sie beherzt anzupacken, sie zu verändern, gegebenenfalls umzukrempeln und vom Kopf auf die Füße zu stellen. Und wenn sich dem die Welt widersetzt, genügt es nicht, ihr mit guten Worten zuzureden, dann müssen wir kämpfen und die Solidarität politisch organisieren“.
 
Anlässlich der Landesversammlung des KVW 1998 im Bozner Walterhaus hat der Innsbrucker Jesuit Herwig Büchele in seinem Vortrag folgende Aussagen gemacht: „Wer sich auf die Bergpredigt und Matthäus 25 einlässt, betritt gefährlichen Boden. Es gibt keinen Trick! Eine solidarische Gesellschaft kommt weder durch moralische Appelle noch durch ein kirchliches Rundschreiben, noch durch irgendeinen Kniff, noch von selbst. Sie wächst allein aus der erhöhten Widerstands- und Erneuerungskraft der Menschen. Was diese Widerstandskraft ist, können wir am Leben Jesu und seinem Geschick ablesen. Jesus ist gegen falsche Anpassungen, gegen Scheinfriedensformen. Er lehnt jedes verlogene Einvernehmen, passives Kopfnicken, kritiklose Zustimmung zu bestimmten Verhaltensweisen, die die Wahrheit und die Gerechtigkeit opfern, ab. Jesus fordert Mut zum Konflikt. Dabei verzichtet er bei der Durchsetzung seiner Ziele auf jedes Mittel von Gewalt“.
 
Wer sich in öffentliche Angelegenheiten einmischen will, braucht Kompetenz in der Sache. Mit dem Aufsagen von frommen Sprüchen, mit moralisierendem Gerede überzeugt man heutzutage niemanden mehr. Wer glaubwürdig und vor allem überzeugend in der öffentlichen Auseinandersetzung mithalten will, der muss sich um starke Argumente bemühen.
Text: Josef Stricker, geistlicher Assistent des KVW