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KVW Jahresthema 2016-2017 Südtirol wird bunter - kritisch, konstruktiv gestalten

Werner Steiner:
"Als KVW wollen wir diesen Weg des Zusammenlebens unterstützen und mit unseren Ortsgruppen Zeichen der Solidarität setzen."
Fremde auf der Suche nach besserem Leben
 
Auf der Internetseite der Abteilung Soziales bei der Südtiroler Landesregierung kann man lesen: „Südtirol wird vielfältiger. Zum 31. Dezember 2014 leben rund 46.000 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Südtirol. Dies entspricht in etwa 8,7 Prozent der Wohnbevölkerung, wobei in etwa jeweils ein Drittel der ausländischen Mitbürger Staatsbürger eines anderen EU-Staates sind, ein Drittel Staatsbürger eines europäischen Staates, der nicht zur EU gehört, und ein weiteres Drittel die Staatsbürgerschaft eines außereuropäischen Staates besitzt. Personen aus 138 Ländern sind in den Meldeämtern der Südtiroler Gemeinden eingetragen.“
 
Arbeitskräfte waren Jahre lang Mangelware
 
Das waren noch Zeiten, als in Südtirol die Wirtschaft boomte, der Arbeitsmarkt leer gefegt war,  der Ruf nach ausländischen Arbeitern  immer lauter wurde. Es waren die goldenen 1980er und 1990er Jahre. Damals ist der weitaus größte Teil der ausländischen Mitbürger, die heute im Land leben, von hiesigen Gewerbetreibenden angeworben worden. Der Rest hat sich aus eigenem Antrieb auf Arbeitssuche gemacht und ist im Lande fündig geworden. Beide Gruppen von Ausländern waren im Südtirol jener Jahre infolge  der rasanten Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft hochwillkommen. Der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft, im Gewerbe, im Tourismus konnte letztlich nur durch Einwanderung  weitgehend behoben werden. Jobs, die von der einheimischen Bevölkerung niemand mehr übernehmen wollte, konnten besetzt werden. Gesundheitsdienste, Pflegeeinrichtungen, vereinzelt private Haushalte  waren auf ausländische Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal, Reinigungskräfte usw. angewiesen.
 
Zuwanderung als gesellschaftliche Herausforderung
 
Im Wachstumsrausch jener Jahre ist ein Umstand übersehen worden, der uns Südtirolern heute schwer zu schaffen macht nämlich die Auswirkung von Zuwanderung auf die Gesellschaft. Politik und Wirtschaft haben Folgen für die hiesige Gesellschaft nicht gesehen oder, milder ausgedrückt, unterschätzt. Es ist genau das eingetreten, worauf der Schweizer Schriftsteller Max Frisch   schon in den 1950er Jahren bezogen auf die Zuwanderung in seinem Land  hingewiesen hatte. Damals ließ der renommierte Schriftsteller mit dem Motto aufhorchen: „Arbeitskräfte haben wir gerufen, Menschen sind gekommen.“  Mit dem griffigen Satz hat Max Frisch auf die menschlichen, kulturellen,  politischen Probleme von Einwanderung hingewiesen. Wie in einem Brennglas sah er die tiefe Zerrissenheit innerhalb der lokalen Bevölkerung auf die Schweiz zukommen. Ausgelöst durch die Tatsache, dass alle Menschen unabhängig von Herkunft, Sprache, Kultur Bedürfnisse haben, die weit über den engen Bereich der Arbeitswelt hinausgreifen. Sie brauchen Wohnraum, Bildung, sanitären Beistand, ganz wichtig die Pflege von Kontakten untereinander, mit der einheimischen Bevölkerung. Der Umgang mit Unterschieden muss austariert und geklärt werden. Eine  Schlüsselaufgabe unserer Zeit.
 
Integration beginnt im Kopf
 
Versuche, um zu einem Ausgleich der Gegensätze zu kommen, werden europaweit unter dem Begriff Integration zusammengefasst. Eigentlich müsste man von Inklusion sprechen. Worum geht es in der Sache? Die Ereignisse in mehreren Staaten der EU machen deutlich, dass es bei der Integration nicht nur um den Erwerb der Sprache geht. Zumindest eine der Sprachen des Landes zu lernen, in dem man lebt, ist zwingende Voraussetzung für die Gestaltung des Alltags und die Pflege von Kontakten. Integriert sein heißt aber auch, die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Bereiche und die damit verbundenen Regeln zu kennen und anzuerkennen. Damit Integration gelingen kann, braucht es jedoch mehr als nur gute Worte. Die Forderung nach gegenseitiger Toleranz und Wertschätzung ist wichtig, aber nicht ausreichend. Für ein echtes Miteinander sind politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich, die das Zusammenleben fördern und unterstützen. Entscheidend ist letztlich auch die Bereitschaft der Migranten die politischen und rechtlichen Bedingungen im Lande anzuerkennen und mitzugestalten.  So verstanden ist Integration die  Schlüsselaufgabe unserer Zeit.


Fremde auf der Flucht vor Verfolgung
 
„Wo ist Gott? Wo ist Hoffnung? Wenn eine solche Frage in einem libanesischen Flüchtlingslager von einer alten Frau an den deutschen Außenminister gestellt wird, dann klingt darin mit: Hat uns die Welt vergessen? Was tut ihr, um uns zu helfen?“ (aus der Rede von Frank Walter  Steinmeier auf dem evangelischen Kirchentag im Juni 2015)
 
Europa durchlebt eine Zeit der Umbrüche und Veränderungen, wie wir sie seit dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks 1989 nicht mehr gesehen haben. Bürgerkriege in Syrien, im Irak, in Libyen, in Eritrea, in Teilen von Nigeria treiben immer mehr Menschen zur Flucht. Die Hauptlast des Flüchtlingselends tragen die unmittelbaren Nachbarländer Jordanien, Türkei, Libanon, Äthiopien. Andere machen sich auf den nicht ungefährlichen Weg nach Europa. Die EU weiß nicht, wie sie mit Massenflucht umgehen soll. Das Recht auf Asyl ist in der Genfer Flüchtlingskonvention grundgelegt – unabhängig davon, wie viele Menschen schutzbedürftig sind.
 
Angst: ein schlechter Ratgeber
 
Wir Einheimische dürfen nicht zu Getriebenen unserer Ängste werden. Gewiss, Ängste müssen ernst genommen werden. Aber was heißt das? Angst kann nicht dadurch bekämpft werden, dass man Verständnis für Ansichten und Positionen äußert, für die es kein Verständnis geben kann. Hinter der Angst verbergen sich nicht selten  rassistische Denkmuster, Feindbilder die tief verwurzelt sind. Häufig wird Religion instrumentalisiert, um Konflikte anzuheizen. Hier kann es keine Entschuldigung, kein Entgegenkommen geben.
 
Unsere Verantwortung als Christen
 
In einem gemeinsamen Wort für die 42. Interkulturelle Woche 2016 in Berlin schreiben die ranghöchsten Vertreter der katholischen, der evangelischen und der orthodoxen Kirche Deutschlands: „Das Christentum ist eine Religion, die ganz wesentlich aus den Flüchtlingserfahrungen des Alten Testamentes gewachsen ist. ‚Mein Vater war ein heimatloser Aramäer‘ - steht in Buch Deuteronomium (26,5). Im Buch Levitikus (19,33ff) steht: ‚Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid Fremde gewesen in Ägypten. Ich bin der Herr euer Gott‘. In der Sprache des Neuen Testaments gesprochen: Das Gebot, den Fremden zu lieben, ist für Christen die Erfüllung der Gottes- und Nächstenliebe“. Der Flüchtling ist unser Nächster, das mag in manchen Ohren lieb und fromm klingen, ist es auch, allerdings mit dem feinen aber bedeutsamen Unterschied: Gottes- und Nächstenliebe sind ohne Konsequenzen nicht zu haben. Eine davon lautet: Fremdenhass ist mit der christlichen Botschaft unvereinbar.
 
Text: Josef Stricker, geistlicher Assistent des KVW