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Geschichten, die das Leben schrieb

 

Leseproben aus lebensgeschichtlichen Projekten

Alle Texte sind urheberrechtlich geschützt.

Erzähl- und Schreibwerkstatt einer Frauenrunde und zweier Männer

Viel Erwartung. Ziemlich bald schon ein bißchen Unruhe. Und bald wieder Klärung.
Es geht nicht, jemanden zu überzeugen oder sich selbst überzeugen lassen.
Die Ausgangssituation ist durchgestanden, die Grundhaltung ist wieder klar.
Viele kleine Welten können sich zeigen, kleine Rebellionen, stille Revolutionen, Schönheit, meine Zerbrechlichkeit dazwischen.
Erzählen, schreiben, ist vielleicht etwas, wo die Seele noch fragen kann.
Immer wieder alles öffnen, alles neu erleben.

Gestern, mit einmal, dachte ich, "Unsere Kunst, auch als Weltbürger, in einer Gesellschaft von fast 7 Milliarden Menschen, wird immer mehr sein, sich füreinander zu interessieren und in der Verschiedenheit Gemeinschaft zu werden. Informationen nicht zurückhalten, sondern sie in einem sozialen Gefüge preiszugeben.

aus: Irgendwann und anderswo. „Ich erzähle und schreibe meine Geschichte(n)“, hg. von der KVW Dienststelle für Altenarbeit, Bozen, 2004
Guido Moser

Besuch vom Kloster

Am Nachmittag läutet's bei mir. Wer steht vor meiner Tür? Der Bruder Nikolaus vom Kloster Marienberg. Er strahlt übers ganze Gesicht.

Ich biete ihm mehrere Male eine Erfrischung an, aber er lehnt alles ab und sagt: "Ich will nur mit dir eine Weile reden, wenn du Zeit hast". Diese Zeit habe ich.

Nach einer knappen Stunde erhebt sich der Bruder, verabschiedet sich eilig, schenkt mir zum Abschied eine Flasche Holundersaft und verspricht, wieder zu kommen.

aus: Unterwegs. Texte aus dem Projekt im Vinschgau "Jahreszeiten - Lebenszeiten", hg. von der Dienststelle für Altenarbeit im KVW, Bozen, 2001
Filomena

Ein schwarzer Novembertag

Es war November 1939. Die Option in Südtirol hatte begonnen und viele Laaser hatten bereits für Deutschland optiert. Auch mein Vater war unter ihnen. Das neblige Novemberwetter mit den wenigen Sonnenstrahlen war gerade passend für die Niedergeschlagenheit und Sorgen der Südtiroler. An einem solchen Tag durfte ich mit meinem Vater zum Acker fahren um den letzten Rest der Schwarzpolentengarben zu holen. Wir luden dort alles auf den Wagen und als wir fertig waren, nahm Vater meine Hand und sagte: „Komm lass uns jetzt Abschied nehmen von unserem Acker.“ (Für Vater war es tatsächlich ein endgültiger Abschied, denn drei Monate später starb er mit 52 Jahren an einer akuten, schweren Lungenentzündung.) Gemeinsam schritten wir nun bis zum obersten Ackerrand. Da mein Vater nichts sprach, schaute ich zu ihm auf. Da sah ich, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Da war es auch mit meiner Fassung zu Ende, lautlos weinte auch ich. Mein Vater sprach nicht zu mir, er umschloss nur stärker meine Hand. Als wir nach Hause fuhren, stand vor dem Haus meiner besten Freundin ein Lastwagen auf dem gerade der letzte Korb mit Haushaltsgeräten verladen wurde. Die Familie meiner Freundin siedelte heute nach Innsbruck aus. Meine Freundin und ich umarmten uns beide und weinten bitterlich. Dann musste sie einsteigen und sie fuhren los. Ich lief in unsere Stube und verschanzte mich auf der hinteren Ofenbank. Dort weinte ich mich in den Schlaf.

aus: Unterwegs. Texte aus dem Projekt im Vinschgau "Jahreszeiten - Lebenszeiten", hg. von der Dienststelle für Altenarbeit im KVW, Bozen, 2001
Berta Puintner